Wenn der Roboter den Lift ruft
Im HOCH Health Ostschweiz in St. Gallen verändert sich die Spitallogistik grundlegend: Fahrerlose Transportroboter übernehmen Wege, die früher Menschen zurückgelegt haben. Dahinter steckt ein komplexes Zusammenspiel von Infrastruktur und Digitalisierung. Eine Schlüsselrolle spielt Schindler.
Es ist kurz nach neun Uhr im zweiten Untergeschoss von Haus 07A am HOCH Health Ostschweiz in St. Gallen. Ein leises Surren liegt in der Luft. Ein Transportroboter blinkt, stoppt kurz, meldet sich: «Achtung, Fahrzeug kommt.» Dann biegt er um die Ecke und steuert zielstrebig auf einen Lift zu. Die Türen öffnen sich, der Roboter fährt hinein, dreht sich in Position. Sekunden später schliessen sich die Türen wieder. Was hier fast beiläufig wirkt, ist in Wahrheit ein hochkomplexes Zusammenspiel aus digitaler Steuerung, Gebäudeinfrastruktur und minutiöser Planung. Mehr als 30 solcher fahrerlosen Transportfahrzeuge sind in St. Gallen bereits im Einsatz. Sie transportieren Wäsche, medizinisches Material, Abfall, bald auch Verpflegung – leise, zuverlässig und ohne Pause. Im Hintergrund orchestriert ein digitales System jede Bewegung.
Ein Spital im Wandel
Das HOCH Health Ostschweiz ist das Zentrumsspital der Region und gleichzeitig eine der grössten Baustellen im Schweizer Gesundheitswesen. Seit 2016 wird hier modernisiert, erweitert, neu gebaut. Gebäude entstehen neu, andere werden im laufenden Betrieb umgebaut. Haus 07A, in dessen Untergeschoss die Roboter unterwegs sind, ist einer der sichtbarsten Meilensteine dieses Programms. Und gleichzeitig ein Blick in die Zukunft: Denn mit den autonomen Transportsystemen entsteht eine neue Form der Spitallogistik. Wo früher Mitarbeitende Wagen durch lange Gänge schoben, übernehmen heute mehrheitlich Maschinen diese Wege. Sie fahren selbstständig durch das Gebäude, koordinieren ihre Routen, kommunizieren mit Türen, Systemen – und eben auch mit Aufzügen.
Im Baustellenbüro von Schindler, wenige Minuten vom Geschehen entfernt, empfängt Marcel Girod zum Gespräch. An der Wand hängen Pläne, in der Hand hält er einen Meter. Damit zeigt er auf Linien, verschiebt gedanklich Wände, erklärt, was auf der Grossbaustelle in den vergangenen Jahren entstanden ist – und was noch kommt. Seit 2016 ist er als Grossprojektleiter in St. Gallen tätig. «Ich bin so etwas wie der Kapitän», sagt der 49-Jährige. «Es braucht viele Leute, die helfen, das Schiff zu steuern. Mein Job ist es, alle zusammenzubringen und die richtigen Entscheidungen zu treffen.»
Wenn Aufzüge Teil eines Systems werden
Ursprünglich ging es beim Projekt in St. Gallen für Marcel Girod «nur» um Aufzüge. Insgesamt realisiert Schindler am Standort 38 Anlagen – neu gebaut, modernisiert oder im laufenden Betrieb ersetzt. Doch mit der Einführung der fahrerlosen Transportsysteme kam eine neue Dimension hinzu. «Plötzlich mussten die Aufzüge Teil eines übergeordneten Systems werden», sagt Girod. «Sie funktionieren nicht mehr isoliert, sondern sind in eine gesamte Logik eingebunden.» Der Schlüssel dazu ist das Schindler PORT-System, eine intelligente Zielrufsteuerung, die Personen und Warenströme im Gebäude koordiniert. Es bündelt Fahrten, reduziert Wartezeiten und erlaubt es, Zugangsrechte gezielt zu steuern. Im Zusammenspiel mit der Integrationsplattform CoLab entsteht daraus ein digitales Ökosystem: Die Roboter «melden» sich beim System, erhalten Zugriff auf bestimmte Aufzüge, fahren zugewiesene Routen – und passen sich dynamisch an den Betrieb an.
Ein eingespieltes Zusammenspiel
Zurück im Untergeschoss zeigt sich, wie dieses System im Alltag funktioniert. Roboter kreuzen sich, halten an, weichen aus. Dazwischen bewegen sich Logistikmitarbeitende, ein Gabelstapler fährt vorbei. Es herrscht ein konzentriertes, fast choreografiertes Treiben. Wenn in der Grossküche Wäsche bereitsteht, wird dies digital erfasst. Ein Roboter erhält den Auftrag, fährt los, holt den Wagen ab und bringt ihn an den Zielort. Die Fahrzeuge blinken, geben akustische Signale, kündigen ihre Bewegungen an. «Achtung, das Fahrzeug wendet.»
Es sind Details, die zeigen, wie sehr hier an den Alltag gedacht wurde. Und doch bleibt der Mensch zentral. Die Roboter fahren nicht rund um die Uhr. Sie werden überwacht, begleitet, bei Bedarf korrigiert. «Es braucht immer jemanden, der eingreifen kann», sagt Girod. Bis 2027 wird das System weiter ausgebaut. Dann sollen alle Aufzüge am Standort für den Einsatz mit Robotern vorbereitet sein, bis zu 50 Fahrzeuge werden unterwegs sein. Schon heute gilt das Projekt als Referenz. Andere Spitäler kommen nach St. Gallen, um sich die Lösung anzusehen. Und klar ist: Was hier entsteht, könnte zum Modell für die Spitallogistik der Zukunft werden. Für Marcel Girod geht die Arbeit derweil weiter. Der nächste Ausbau ist bereits geplant.
«Die Roboter gehören heute einfach dazu»
Daniel Baumgartner ist Projektleiter bei HOCH Health Ostschweiz und begleitet die Einführung der fahrerlosen Transportsysteme am Standort St. Gallen seit den Anfängen. Im Gespräch erklärt er, weshalb das Spital auf Automatisierung setzt.
Herr Baumgartner, warum hat sich das Spital für ein robotergestütztes Transportsystem entschieden?
Die Idee entstand bereits vor rund zehn Jahren. Damals waren auf dem Campus sehr viele Elektromobile unterwegs, teilweise mit vier oder fünf Anhängern. Sie transportierten schmutzige Wäsche, OP-Besteck oder medizinisches Material – also immer wieder dieselben, sich wiederholenden Aufträge. Irgendwann kam die Frage auf, ob sich diese Prozesse automatisieren lassen würden. In der Folge haben wir verschiedene Anbieter geprüft und uns schliesslich für ein fahrerloses Transportsystem entschieden, das wir Schritt für Schritt eingeführt haben.
Wann kam Schindler ins Spiel?
Relativ früh. Für uns war klar: Die Fahrzeuge müssen sich nicht nur horizontal bewegen, sondern auch vertikal – also mit Aufzügen. Deshalb haben wir gemeinsam mit Schindler nach einer passenden Lösung gesucht. Das PORT-System eignete sich dafür ideal, um den gesamten Personen- und Materialfluss viel effizienter zu steuern.
Wie haben die Mitarbeitenden auf die neuen «Kollegen» reagiert?
Am Anfang waren viele neugierig. Manche stellten sich absichtlich vor die Fahrzeuge, um zu sehen, wie sie reagieren. Heute laufen die meisten ganz selbstverständlich daran vorbei – die Roboter gehören inzwischen einfach dazu.
Ganz reibungslos läuft es vermutlich trotzdem nicht immer.
Natürlich nicht. Gerade zu Stosszeiten am frühen Morgen herrscht in den Untergeschossen sehr viel Betrieb. Dann haben wir Mischverkehr mit klassischen Logistikfahrzeugen, Mitarbeitenden, Patientinnen und Patienten oder Besucherinnen und Besuchern. Genau dort zeigt sich aber auch, wie wichtig intelligente Verkehrssteuerung ist.
Welche Rolle spielen solche Systeme für das Spital der Zukunft?
Der Automatisierungsgrad in Spitälern wird weiter zunehmen. Das steigert die Effizienz – und letztlich profitieren auch die Patientinnen und Patienten davon. Dies zum Beispiel, weil dank intelligenter Steuerungssysteme Wartezeiten reduziert werden können.