Der Aufzug als Kunstwerk
Zwölf Jahre Planung, viele Diskussionen und höchste Ansprüche an Technik und Ästhetik: Der neue Glasaufzug im historischen Herrenhaus an der Rue des Granges in der Genfer Altstadt ist weit mehr als eine Modernisierung. Er ist ein Beispiel dafür, wie sich modernste Aufzugstechnik und denkmalgeschützte Architektur harmonisch verbinden lassen.
Ursprünglich schien das Vorhaben unkompliziert. Der Kanton Genf als Eigentümer des Gebäudes plante den Ersatz der bestehenden Liftanlage durch einen Standardaufzug. Doch die Denkmalschutzkommission lehnte diesen Vorschlag ab. Stattdessen verlangte sie eine Lösung, die den historischen Charakter des Gebäudes nicht nur bewahrt, sondern gezielt hervorhebt. «Damit begann ein aussergewöhnliches Projekt, das unser Team über zwölf Jahre begleiten sollte», erzählt Jérôme Coppier. Er ist Modernisierungsexperte bei Schindler Genf. Für ihn war schnell klar, dass dieses Vorhaben weit über ein gewöhnliches Aufzugsprojekt hinausgehen würde.
Gemeinsam mit Architektinnen, Denkmalpflegern und Fachplanerinnen musste ein Gesamtkonzept entwickelt werden, das sowohl technisch als auch gestalterisch höchsten Ansprüchen genügte. Zahlreiche Studien, intensive Abstimmungen und immer neue Lösungsansätze prägten den langen Planungsprozess. Zusätzlich verzögerte die Covid-Pandemie das Projekt um weitere zwei Jahre. «Dutzende Male fanden wir in langen Meetings über intensive Diskussionen einen Konsens zu sinnvollen Lösungen», erinnert sich Coppier. «Der Aufwand und die Mühe haben sich aber definitiv gelohnt.»
Das Ziel bestand darin, möglichst viel Tageslicht in das historische Treppenhaus zu bringen und gleichzeitig die originale Bausubstanz sichtbar zu machen. Deshalb erhielt der neue Aufzug grossflächige Verglasungen auf Vorder- und Rückseite, während die Seitenwände aus dem historischen Steinmauerwerk bestehen blieben. «Durch neu geschaffene Fensteröffnungen fällt heute deutlich mehr Licht in das Gebäude und setzt die historische Architektur eindrucksvoll in Szene», betont Jérôme Coppier.
Eine besondere Herausforderung wartete ganz oben im Gebäude. Ein tragender Holzbalken unter dem Dach durfte weder entfernt noch verändert werden. Die Ingenieure entwickelten deshalb eine speziell angepasste Kabine mit einer abgeschrägten Ecke, die den Balken millimetergenau passiert. Gleichzeitig musste die Schachtkonstruktion verstärkt werden, um den Antrieb sicher aufnehmen zu können. Das Ergebnis ist eine massgeschneiderte Anlage, die speziell für dieses Gebäude entwickelt wurde.
«In der Genfer Altstadt entstand ein kleines technisches und ästhetisches Kunstwerk», sagt Coppier nicht ohne Stolz. Auch bei der Materialwahl wurde nichts dem Zufall überlassen. Die historische Molasse, ein Stein aus dem Genfersee, sollte wieder sichtbar werden und bildet heute das zentrale Gestaltungselement. Handläufe aus Holz erinnern an die ursprüngliche Bauzeit des Herrenhauses, während gebürsteter Edelstahl und besonders transparentes Weissglas moderne Akzente setzen. Selbst Bauteile, die normalerweise kaum sichtbar wären, mussten höchsten optischen Ansprüchen genügen. Durch die grossen Glasflächen ist nahezu jedes Detail sichtbar und entsprechend präzise ausgeführt.
Nicht weniger anspruchsvoll war die Montage. Für Montageleiter Luther Billa bedeutete die Arbeit in einem denkmalgeschützten Gebäude höchste Präzision. Jeder Eingriff in die historische Substanz musste auf das absolute Minimum beschränkt werden. Fensterbögen wurden vorsichtig aus dem jahrhundertealten Stein herausgearbeitet, wobei möglichst viel Originalmaterial erhalten blieb. «Bevor wir den Hilti-Bohrer ansetzten, überlegten wir uns jeden einzelnen Arbeitsschritt ganz genau», erzählt Billa. Hinzu kamen enge Abstimmungen mit Steinmetzen, Architektinnen und Behörden, damit sowohl die Anforderungen des Denkmalschutzes als auch die geltenden Normen erfüllt werden konnten.
Ein solches Projekt verlangt weit mehr als technisches Knowhow. Es braucht ein eingespieltes Team, das über Jahre hinweg gemeinsam Lösungen entwickelt. Projekttechniker Florent Saugrain koordinierte die technische Umsetzung mit den Architektinnen bis ins kleinste Detail, während Verkauf, Projektleitung und Montage in engem Austausch standen. Gerade weil immer wieder unerwartete Herausforderungen auftauchten, waren Flexibilität und eine offene Zusammenarbeit entscheidend für den Erfolg. «Dieses Projekt war völlig untypisch. Es erforderte minutiöse Organisation und einen ständigen Austausch zwischen allen Beteiligten», sagt Billa.
Der grosse Aufwand hat sich gelohnt Die Bewohnerinnen und Bewohner zeigen sich begeistert vom neuen Fahrkomfort und vom eleganten Design. Auch der Kanton Genf, die verantwortliche Architektin und der Einkaufsleiter sind stolz auf das Ergebnis. Besonders erfreulich: Nach Abschluss des Projekts entschied sich der Bauherr auch beim Wartungsvertrag für Schindler – ein Vertrauensbeweis, der diese aussergewöhnliche Anlage zu einer wertvollen Referenz für zukünftige Projekte macht. «Solche Projekte stärken das Vertrauen in Schindler als Partner», sagt Coppier. Der Glasaufzug in der Genfer Altstadt ist damit weit mehr als eine technische Lösung. Er zeigt eindrücklich, dass Innovation und Denkmalschutz keine Gegensätze sein müssen. Mit viel Geduld, handwerklicher Präzision und Liebe zum Detail entstand eine Anlage, die historische Architektur respektiert und gleichzeitig moderne Mobilität auf höchstem Niveau ermöglicht.